Nachdem zuerst Sebastian Bauer und nach ihm außerdem Heinz Wittenbrink, Schneeengel, Michael Thurm und sogar Michael Neumayr, der selbst nicht dabei war darüber gebloggt haben, möchte auch ich das „scheiß Internet“ nutzen, um meine Sicht des gestrigen Abends zu äußern.
Im Stadtmuseum in Graz fand also gestern im Rahmen des Elevate Festivals eine Veranstaltung mit dem Titel „ORF Dialogforum: Media Commons – Public Media & Public Value im 21. Jahrhundert“ statt. So weit, so gut. Geladene Gäste waren:
Vom ORF:
David Schalko , u.a. Entwickler von ORF-Fernsehsendungen (v.a. der Donnerstag Nacht); Monika Eigensperger , Senderchefin von FM4; Wolfgang Lorenz, Programmchef Fernsehen; und Karl Pachner , Geschäftsführer von ORF Online.
Nicht vom ORF:
Christiane von Hahn, Mitarbeiterin bei arte TRACKS
und Heinz Wittenbrink, Lehrender an der FH JOANNEUM
Nun zur Veranstaltung an sich:
Gerhard Drexler, seines Zeichens Landesdirektor des ORF Steiermark, hat ein paar einleitende Worte geliefert. Er fragt sich selbst (und das Publikum), ob der ORF überhaupt noch die Leute anspricht, die er ansprechen will? (Zu diesem Zeitpunkt frage ich mich überhaupt erst einmal, wen der ORF ansprechen will…aber das nur so nebenbei) Und wie er sie ansprechen kann…
Die erste Vorstellungsrunde mit ein paar Worten aller Diskutanten beginnt. Hier sollen ein paar Auszüge festgehalten werden.
Zuallererst, was auch etwas über die hierarchische Anordnung innerhalb des ORFs aussagen dürfte, kommt Wolfgang Lorenz zu Wort. Er bezeichnet sich selbst als „Opa in der Runde“ und meint, dass er weniger kompetent in Sachen Jugend sei – eine Aussage, die sich im Laufe des Abends noch mehrfach bestätigen sollte. Herr Lorenz beschwert sich über die Zuseherzahlen von Donnerstag, an jenem Abend, an dem in ORF 2 „Der erste Tag“ gelaufen ist. Eben jener „Problemfilm über Atomkraft“. Er meint, der Film wäre bei „den Jugendlichen“ so schlecht angekommen. Daraus lasse sich ein Befund ableiten: „Wir leben in einer mentalen Wellnessgesellschaft“, in der wenig Interesse für ernsthafte Themen herrsche. Der ORF sei jedoch nicht Erzieher, sondern Anbieter. Dann sagt Lorenz: „Junge sind das interessanteste Publikum.“
So weit, so gut.
Zur nächsten, der ersten Dame, die zu Wort kommt: Monika Eigensperger. Ich hatte eigentlich den ganzen Abend das Gefühl, dass sie mehr oder weniger das „Bindeglied“ zwischen ORF und dem eher jugendlichen Publikum war. Sehr diplomatisch, sehr fair.
„FM4 hat eine Haltung, was uns zu anderen Medien mitunter unterscheidet.“ Die Jugendlichen, die zuvor von Lorenz als weniger rebellisch als „damals“ bezeichnet wurden, verteidigt Eigensperger. Sie glaube, dass es auch heute noch kontroversielle Jugendliche gebe. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen habe die vordringliche Aufgabe, Meinungsvielfalt und Meinungspluralität wieder zu spiegeln. Man müsse den Diskurs aushalten und zulassen und dürfe nichts vorschreiben.
Dann gibt sie zu bedenken: „Es ist alles viel schneller geworden. Es gibt das Global Village“. Etwas, dass Lorenz wohl noch nicht eingesehen hat.
Christiane von Hahn gibt (für mich) weniger interessante Wortmeldungen. Sie spricht vor allem über arte TRACKS, darüber, dass das Programm eine „Vielfalt von Lebensmöglichkeiten“ aufzeigen soll und es inhaltlich mehr um Dinge geht, die im direkten Umfeld der (jungen) Menschen passieren.
David Schalko spricht danach von „Haltungsfernsehen“. Hierbei würden Themen, von denen man glaubt, dass sie relevant sind, dargestellt und diskutiert werden. Diese Art von Fernsehen müsse von Jungen gemacht werden. (In diesem Zusammenhang war von „intellektuellen Jugendlichen“ die Rede, ein Ausdruck, der mich ein bisschen irritiert…aber das nur so nebenbei)
Das Internet sei nicht nur Grund, sondern auch Spiegel gesellschaftlicher Entwicklung. Wie wahr, wie wahr!
Ein öffentlich-rechtlicher Sender müsse öffentliche Themen aufarbeiten und zur Diskussion stellen und ein gutes Gespür für Timing haben. Eine Aussage, die man so nicht formulieren kann wie ich finde, da das nicht nur für öffentlich-rechtliche Sender gilt, sondern (im Idealfall) für jeden professionell betriebenen Journalismus.
Karl Pachner meint, der ORF müsse Widersprüchlichkeit und Vielfalt der Welt abbilden, „das gelingt ORF Online glaube ich gut.“ Es gäbe einen massiven Anstieg an Usern in Foren und Debatten und es gäbe einen verstärkten Bedarf an Stellungnahme.
So weit, so gut.
Heinz Wittenbrink beschreibt anhand vom amerikanischen Wahlkampf, dass das Internet sehr wohl eine große Bedeutung hätte, denn ohne es (das Internet), hätte Obama möglicherweise die Wahl nicht für sich entscheiden können.
Eine Aussage, die David Schalko kommentiert: Das Fernsehen sei es gewesen, das Obama so groß gemacht hätte.
An dieser Stelle wird die Diskussion plötzlich richtig interessant. Eine Art Machtkampf zwischen Machern von „klassischen“ Medien und Usern des Web 2.0. Ein Blick auf die Personen um mich herum zeigt, dass es wohl noch eine hitzige Diskussion werden wird.
So war es dann auch. Es fallen Meldungen wie „Scheiß Internet“ von Lorenz höchstpersönlich.
„Sie müssen ein stärkerer öffentlicher Faktor werden“, sagt der Programmchef und meint, die Jugendlichen müssten sich stärker zu Wort melden. HALLO?! Was ist denn jetzt los? Weiß der Mann eigentlich was es im Internet mal abgesehen von Homepages eigentlich gibt? Hat er irgendeine Ahnung? Mir kommt es nicht so vor. „Soll ich Sie etwa anrufen?“, fragt jemand aus dem Publikum. Darauf weiß Lorenz keine Antwort. Hmm…
Was ich mich frage ist, wie jemand als Programmchef des Fernsehens bei einem so bedeutungsvollen Medium (nicht weltweit, aber in Österreich) ein so dermaßen eingeschränktes Blickfeld haben kann. Es ist mir wahrlich unerklärlich.
Abgesehen davon: Sind wir als Rezipienten jetzt für Inhalte verantwortlich? Müssen wir jetzt zu ihm kommen und ihm sagen was er produzieren soll?
Am selben Tag, also gestern, hab ich übrigens erfahren, dass ORF-Online-Journalisten selbst davor zurückschrecken, im Internet zu recherchieren. Aber das nur so nebenbei…
maymar
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